JAHR III  ·  Nr. 653  ·  SAMSTAG, 3. OKTOBER 2026

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RECHERCHEKOLUMBIEN

Gewalt bedroht den Tourismus Kolumbiens, der ohnehin schwächelte, und der bewaffnete Streik in Santa Marta zeigte es

Am Montag, dem 21. September, starb bei einem Einsatz der Sicherheitskräfte in der Sierra Nevada José Luis Pérez Villanueva, genannt Cholo. Er galt als zweiter Mann der Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada, bekannt als Los Pachenca. In derselben Nacht kündigte die Gruppe einen bewaffneten Streik in Magdalena und La Guajira an. Ein bewaffneter Streik wird nicht vom Staat angeordnet. Die Bewaffneten erzwingen ihn mit Drohungen, damit die Menschen zu Hause bleiben und die Geschäfte geschlossen haben. Laut der Mitteilung der Gruppe selbst sollte er am Freitag, dem 25., um 7 Uhr morgens enden. Die Gouverneurin von Magdalena, Margarita Guerra, bestätigte, dass es so kam.

Am Mittwoch, dem 23., verließ der Taxifahrer Antonio Ochoa Díaz in Santa Marta voller Angst sein Haus. Er gehe raus, sagte er The Associated Press, weil „man rausgeht, um sich zu versorgen“. Mindestens drei Fahrzeuge brannten, darunter ein Taxi und ein Linienbus. In den geöffneten Supermärkten standen Polizisten mit Langwaffen am Eingang. Der öffentliche Markt blieb geschlossen.

Am Strand tranken unterdessen Hunderte Touristen Bier vor dem Meer. Ringsum waren viele Restaurants zu.

In den folgenden Tagen ließ sich der Schlag beziffern. Der Hotelverband von Magdalena erklärte, die Auslastung der Hotels in der Stadt sei auf etwa 33 % gefallen. Von drei Zimmern war also nur eines belegt. In den Ökohotels der Sierra Nevada sank sie auf rund 14 %, und im ländlichen Raum Richtung Tayrona und Palomino ergab eine WhatsApp-Blitzumfrage unter Hoteliers im Schnitt 15 %.

Die Handelskammer von Santa Marta bezifferte den Verlust der Stadt am ersten Streiktag auf 39.590 Millionen Pesos, mit Ciénaga und der Zona Bananera auf mehr als 42.000 Millionen. Spätere Berechnungen weichen ab, von rund 81.000 bis über 118.000 Millionen, je nach einbezogenen Tagen und Gemeinden. Auf den Oktober setzten die Hoteliers wegen der Familien, die in der Schulferienwoche in die Karibik reisen. Ihr Präsident Omar García Silva hoffte auf 70 % Auslastung zwischen dem 2. und 12. Oktober, wie er Blu Radio sagte. Portafolio hatte er gesagt, Gruppen und Familien stornierten schon.

Ein Land, das wenig besucht wurde

Um zu verstehen, worum es geht, muss man wissen, woher der kolumbianische Tourismus kommt. Im Jahr 2010 kamen 2,6 Millionen ausländische Besucher, laut dem Handelsministerium. 2017, ein Jahr nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Havanna, waren es 6,5 Millionen. Das ist mehr als das Doppelte in sieben Jahren. Mesetas im Departement Meta zeigt es im Kleinen. Die Guerilla, die dort über vierzig Jahre durch die Berge gezogen war, gab 2017 ihre letzten Waffen ab. Das Departement empfing 2012 insgesamt 2.667 internationale Touristen, 2018 dann 4.700.

Das Wachstum hatte schon vor der Unterzeichnung begonnen. Eine Studie hält fest, dass die Ankünfte schon vor dem Abkommen stiegen, und beziffert den zusätzlichen Anstieg durch die Unterzeichnung auf mehr als 27 %.

Im Jahr 2016 sagte die Handelsministerin María Claudia Lacouture, der Frieden erlaube der Welt, ein anderes Kolumbien zu sehen. In jenem Jahr kamen 5.092.004 ausländische Touristen. Zwischen 2010 und 2016 stiegen laut dem Ministerium die ausländischen Touristen um 95 %, die Hotels um 49,5 % und die Beschäftigung im Sektor um 24 %.

Was der Frieden hereinließ

Das Wachstum hielt bis 2025 an. Das Tourismus-Satellitenkonto der amtlichen Statistikbehörde verzeichnete in jenem Jahr Ausgaben internationaler Touristen von 13.498 Millionen Dollar, 10,8 % mehr als im Vorjahr. Der Tourismus trug 9.699 Millionen Dollar zur Wirtschaft bei und schuf fast eine Million Arbeitsplätze. Die Touristen verteilen sich nicht gleichmäßig. Von Januar bis September 2025 empfing Bogotá 38,5 % der Ausländer, Antioquia 26,9 % und Bolívar, wo Cartagena liegt, 16,7 %. Magdalena, wo Santa Marta liegt, gehört nicht dazu, doch laut Handelsministerium wuchs die Besucherzahl dort in jenem Jahr um 24 %.

Die Zahlen glänzten weniger, als es scheint. 2025 kamen 4.677.267 Ausländer, 3,8 % mehr als 2024. Doch die Gesamtzahl der Besucher, die nicht im Land leben, sank um 8,1 % auf 6.496.458, weil 33,7 % weniger im Ausland lebende Kolumbianer kamen, so der Verband der Reisebüros.

2026 verlangsamte sich das Tempo weiter. Von Januar bis Mai wuchs die Zahl der Ausländer nur um 0,5 %, die Gesamtzahl sank um 1,6 %. Die formelle Hotellerie litt schon länger. Im ersten Quartal lag die Auslastung bei 49,1 %, dem dritten Rückgang in Folge. Die realen Einnahmen fielen um 5 %, die Zahl der Beschäftigten sank um 3,8 %, so der Hotelverband mit Daten der amtlichen Statistikbehörde. Der Verband führt viel davon auf informelle Unterkünfte zurück, die ohne wirksame Kontrolle wachsen, etwa die 226 Ferienwohnungen mit mehr als hundert Zimmern.

Als der Streik kam, ging es im Sektor schon seit drei Quartalen bergab.

Der Pakt, der brach

Eine internationale Beobachtungsstelle für politische Gewalt, zitiert von Bloomberg Línea, beschreibt einen Nichtangriffspakt zwischen Los Pachenca und dem Clan del Golfo, der größten bewaffneten Gruppe des Landes. Er begrenzte die Gewalt in der Sierra Nevada und ließ den Tourismus wachsen. Zwischen 2019 und 2021 stritten die beiden Gruppen um Santa Marta und seine Umgebung. Danach verlagerte sich der Kampf nach La Guajira. Seit 2025 haben ihre Versuche, den Catatumbo zu erreichen, ihn auf Cesar und Santander ausgeweitet. Keine Quelle datiert den Moment, in dem der Pakt die Gewalt nicht mehr eindämmte. Sie zeigen die Folgen.

Die Beobachtungsstelle zählte nach. 2018 vereinten Cesar, La Guajira und Magdalena 4 % der Gewalt bewaffneter Gruppen im Land auf sich. Seit Beginn dieses Jahres sind es 12 %. Gegenüber den ersten siebeneinhalb Monaten von 2025 stieg die Gewalt in diesen drei Departements um 28 %.

Ende Februar forderten Gefechte zwischen dem Clan del Golfo und Los Pachenca in Aracataca mindestens fünf Tote und Hunderte Vertriebene. Der Tayrona-Park schloss vorübergehend. Im Juni schlossen Los Pachenca nach einer Militäroperation Gemeinden ein und blockierten die Troncal del Caribe, die Straße, die Santa Marta mit La Guajira verbindet. Der Tayrona schloss zum zweiten Mal. Hunderte Touristen saßen fest.

Im April 2025 verzeichnete die Beobachtungsstelle die Entführung des Besitzers und von vier Angestellten eines bekannten Hotels im Tayrona-Park.

Nichts davon geschieht in einem stillen Land. Die Stiftung Frieden und Versöhnung zählte 2019 in 212 Gemeinden bewaffnete Präsenz, 428 am Ende der Regierung Duque und 518 im Jahr 2025. In diesem Jahr sind es 527.

Die Stiftung Ideen für den Frieden berechnet, dass die bewaffneten Gruppen von 15.120 Mitgliedern im Dezember 2022 auf 28.802 im Juli 2026 wuchsen. Sie haben sich fast verdoppelt. Der Clan del Golfo stieg von 4.061 auf 10.268. Im November 2025 hatte dieselbe Stiftung schon festgestellt, dass weder Duque noch Gustavo Petro dieses Wachstum bremsen konnten. Die Stiftung Frieden und Versöhnung beschrieb den Moment so.

die schlimmste humanitäre Krise seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von 2016

Die Regierung von Abelardo de la Espriella beendete alle Friedensverhandlungen, die Petro eröffnet hatte. Dazu gehörte laut The Associated Press auch jene mit Los Pachenca. Am Dienstag, dem 22., während der Streik lief, ordnete der Präsident die Militarisierung von Santa Marta an und sagte, „niemand wird in der Ära des Tigers einen bewaffneten Streik abhalten“. Laut Bürgermeister Carlos Pinedo waren 600 Polizisten und 500 Soldaten im Einsatz. Die Beobachtungsstelle liest die Sicherheitsstrategie der Regierung, mehr militärischer Druck ohne Verhandlung, als Fortsetzung eines früheren Trends zu stärkerer Aktivität der Sicherheitskräfte.

Tiziano Breda, regionaler Experte der Beobachtungsstelle, warnt, die Operationen könnten sich bis Jahresende anderswo bündeln, und das Erdbeben vom 10. August habe die Aufmerksamkeit der Regierung auf Chocó, Valle del Cauca und Risaralda gelenkt. Für die Sierra Nevada rechnet die Beobachtungsstelle mit mehr Eskalation und neuen Blockaden touristischer Routen wie jener im Juni.

Wer zuerst zahlt

Der Streik und der Einbruch der Buchungen treffen zuerst jene, die vom Tageseinkommen leben. Santa Marta hat rund 22.000 Unternehmen und etwa 110.000 Menschen, die an ihnen hängen, so die Handelskammer. Mehr als 48.000 arbeiten im Handel, 26.000 im Transport und fast 25.000 in Hotels, Restaurants und Bars. Der Präsident der Kammer, Carlos Jaramillo, schätzt, dass 51 % dessen, was die Stadt erwirtschaftet, vom Tourismus abhängt und etwa 60 % ihrer Wirtschaft informell ist. Das heiße, erklärte er, Menschen, die den Verdienst des Tages brauchen, um ihn nach Hause zu tragen. El Tiempo hielt fest, dass der Schlag die informell Beschäftigten trifft, die in El Rodadero, im historischen Zentrum und in Taganga vom täglichen Verkauf leben.

Landesweit beschäftigen Beherbergung und Gastronomie 1,7 Millionen Menschen. Von hundert arbeiten fast 75 informell, ohne Vertrag und ohne arbeitsrechtlichen Schutz. In Kleinstunternehmen sind es 85 %, laut einem Bericht des Verbands der Reisebüros mit Daten der amtlichen Statistikbehörde.

Die 33 % Auslastung, die in den Schlagzeilen wiederholt wurden, messen nur die formelle Hotellerie.

Ochoa, der Taxifahrer, sagte der Agentur, die Leute scheuten das Hinausgehen und folgten den Befehlen aus Angst, denn in seiner Stadt gelte das Gesetz der bewaffneten Gruppen. Er zweifelte an einer dauerhaften Wirkung des Militäreinsatzes und fürchtete den Abzug der Soldaten. Die Gouverneurin ging mit Flugblättern gegen Erpressung durch den öffentlichen Markt, damit die Händler wieder öffnen. Sie räumte ein, dass nach Jahrzehnten der Gewalt Vertrauen schwer zurückzugewinnen sei. Am Dienstag riet ein Straßenhändler einem 64 Jahre alten Touristen, sich einen Unterschlupf zu suchen.

García zählte auf, wer davon abhängt, dass die Zimmer belegt sind. Restaurants, Reiseveranstalter, Transporteure, Guides, Verkäufer, Lieferanten. Er sagte Portafolio, kein Sektor leide mehr als der Tourismus, wenn es Sicherheitsprobleme gibt.

Am Montag, dem 28., sollte das Kreuzfahrtschiff Freewinds in Santa Marta eintreffen, eines der ersten der Saison 2026-2027. Die Reederei änderte die Route. Santa Marta hatte den Empfang vorbereitet, und die Vizepräsidentin des Verbands der Reisebüros in der Karibik, Jackeline Vives, sagte, diese Ankunft habe schon Sorge ausgelöst. Jedes Kreuzfahrtschiff bringt Einnahmen für Transporteure, Guides, Restaurants, Händler und Kunsthandwerker. Das nächste ist für November vorgesehen.

Die US-Botschaft gab eine Sicherheitswarnung für ihre Bürger heraus, die Santa Marta, die Troncal del Caribe, die Zugänge zum Tayrona-Park und die Zona Bananera einschließt. Sie bat, Unruhezonen und Blockaden zu meiden.

Die Stiftung Ideen für den Frieden berechnet, dass Los Pachenca 95 % der Hotels, Restaurants, Reiseveranstalter und Händler der Zone erpressen. In ihrem Leitartikel vom 28. September schrieb El Tiempo, manchmal genüge eine WhatsApp-Nachricht, damit ein Händler schließt oder zahlt. Am 18. September, drei Tage vor dem Tod von Cholo, veröffentlichte der Präsident im sozialen Netzwerk X den Bericht über eine Festnahme gegen dieselbe Organisation.

Harter Schlag gegen die narkoterroristische Gruppe Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada!

Die Nachricht meldete, Armee und Polizei hätten in La Esperanza, Norte de Santander, fünf Mitglieder festgenommen, darunter einen mit dem Decknamen Miguel, einen Gruppenführer, der Erpressungen koordinierte.

Laut der Beobachtungsstelle herrscht dort Gewalt gegen Zivilisten vor, die als nah an rivalisierenden Gruppen gelten oder die Regeln der Bewaffneten missachten. Unter den Opfern sind indigene Gemeinschaften, Parkwächter und Inhaber lokaler Geschäfte. Gewalt in Minca, Palomino, Ciudad Perdida und am Pico Cristóbal Colón bleibt selten, aber die Gruppen haben Betriebe mit Tourismusbezug angegriffen, darunter Transportunternehmen.

Der Hotelverband von Magdalena forderte, die Begleitung durch die Sicherheitskräfte müsse dauerhaft sein und dürfe sich nicht auf Notfälle oder Hochsaisons beschränken. Behörden und Verbände entwarfen eine Strategie, um das Bild von Santa Marta aufzubessern, mit einer Delegation zur Tourismusmesse in Argentinien und Werbung bis zur Karwoche 2027. Die Beobachtungsstelle erwartet neue Blockaden auf den touristischen Straßen der Sierra…

A.B.

Quellen

Adrianis Beltran

ÜBER DEN AUTOR

Adrianis Beltran

Adrianis Beltrán studiert Rechtswissenschaften an der Universidad del Magdalena, Kolumbien. Ihre Ausbildung konzentriert sich auf Menschenrechte, kulturelle Vielfalt und Umwelt, eine Achse, die ihren Blick auf die Themen prägt, die AcidReport aus einer globalen geopolitischen Perspektive behandelt, mit besonderem Augenmerk auf Lateinamerika.

Sie ist die erste Frau im Redaktionsteam von AcidReport, eine Tatsache, die eine bislang fehlende Perspektive in ein bisher überwiegend von männlichen Blickwinkeln geprägtes Medium einbringt. Diese Ausbildung positioniert sie auf natürliche Weise gegenüber den Themen, die ganz Lateinamerika durchziehen, von Zwangsvertreibung über Umweltgerechtigkeit, den Kampf der Frauen und der vielfältigen Gemeinschaft bis hin zu territorialer Gewalt gegen indigene Völker, wobei Kolumbien einer der am besten dokumentierten Schauplätze ist, aber nicht der einzige. Sie gehört zudem der Generation an, die eingebettet in die digitale Welt aufgewachsen ist, eine entscheidende Voraussetzung für die Rolle, die sie an der Spitze von PILAS übernehmen wird, dem Kurzvideoformat, mit dem sich AcidReport an ein junges kolumbianisches Publikum richtet. Ihre native Vertrautheit mit den Codes sozialer Medien, verbunden mit der Sorgfalt ihrer juristischen Ausbildung, erlaubt es ihr, komplexe Inhalte in eine zugängliche Sprache zu übersetzen, ohne an Präzision einzubüssen. Diese doppelte Kompetenz, juristisch und generationsbedingt, definiert den spezifischen Beitrag, den sie in das neue Projekt einbringt.

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